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Geschrieben von: Julia Eisenschmidt   
Samstag, 26. Juni 2010

Eltern am Spielfeldrand: Wenn die größten Fans ihrer Kinder zum Problemfall werden

Ergebnisorientiertes Denken im Kinderfußball sorgt für allerlei Auswüchse an der Seitenlinie

Von Werner Maass

Bremen-Nord. Sonntagmorgen, ein Fußballspiel bei den E-Junioren, irgendwo in Hannover. Der eine Knirps geht etwas ungestüm zur Sache und bringt den anderen zu Fall. Plötzlich rastet der Vater des gefoulten Spielers aus, stürmt auf das Feld und verpasst dem acht Jahre alten Übeltäter eine schallende Ohrfeige. Das lässt der Vater des geschlagenen Kindes nicht unbeantwortet. Beide liefern sich ein Handgemenge. Der Fall landet vor Gericht.
Die Szene aus Hannover ist sicherlich in dieser Form ein Extrembeispiel. Und dennoch steht sie stellvertretend für einen Trend, der den Verantwortlichen in den Fußballvereinen in ganz Deutschland große Sorgen bereitet. Es kommt immer häufiger vor, dass Eltern bei den Spielen ihrer Kinder am Spielfeldrand über das Ziel hinausschießen. Es bleibt nicht nur beim leidenschaftlichen Anfeuern, stattdessen werden nicht selten Schiedsrichter, gegnerische Spieler und deren Eltern beschimpft und beleidigt.

Oder es werden die Entscheidungen des eigenen Trainers konterkariert. So wird der Sohn kurzerhand nach vorne geschickt, obwohl er laut Anweisung des Trainers hinten absichern soll. Was eigentlich gut gemeint ist, das wird so schnell zum Bumerang. So sehr Mama oder Papa, Oma oder Opa auch mitfiebern - nicht selten erweisen sie den Kindern mit ihrem Verhalten am Spielfeldrand einen Bärendienst.
Auch wenn solche Auswüchse wie anfangs beschrieben natürlich die Ausnahme sind, bereitet die Entwicklung auf dem Sportplatz gerade in den jüngsten Altersklassen der E-, F- und G-Junioren (5 bis 10 Jahre) den Funktionären sehr viel Kopfzerbrechen. Helmut Schneeloch, Jugendobmann vom Fußball-Kreis Osterholz, bringt es auf den Punkt: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Den Kindern wird nicht selten Unsportlichkeit in allen Facetten vorgelebt. Und wer einmal bei einem Fußballspiel bei den Männern an der Seitenlinie steht und verfolgt, was sich die Schiedsrichter vor allem in den unteren Klassen dort anhören müssen, der ahnt schnell, wo die Wurzel allen Übels vergraben ist. Wie sollen Kinder den respektvollen Umgang miteinander lernen, wenn auf dem Sportplatz nicht selten ein Umgangston herrscht, der aus der Gosse kommt?
Torsten Schanz, Sportlehrer beim Kreissportbund Osterholz und ehemaliger Trainer des SV Blau-Weiß Bornreihe, schildert einen anderen Fall, den er selbst am Spielfeldrand miterlebte: Der Vater eines Spielers war mit der Ein- und Auswechselpolitik des jungen Trainers nicht einverstanden. Der Vater beorderte kurzerhand ein fremdes Kind vom Platz und schickte dafür seinen eigenen Sohn aufs Feld. Dem jungen Trainer fehlte das Durchsetzungsvermögen, er ließ den Vater gewähren.
Die Ohrfeige aus Hannover und der von Schanz beschriebene Spielerwechsel sind sicherlich Extrembeispiele. Und doch sind sie ein Hinweis darauf, mit welcher Art von Problemen sich die Sportvereine und ihre oftmals jungen und zumeist nicht ausgebildeten Übungsleiter immer häufiger herumärgern müssen: mit respektlosem und nicht selten aggressivem Auftreten am Spielfeldrand sowie Eingriffen in die sportlichen Belange des Coaches.
Wenn die Nationalmannschaft spielt, dann sitzen viele Millionen "Bundestrainer" vor dem Fernseher. Das ist sinnbildlich bei den Spielen der Jüngsten auf dem Fußballplatz nicht viel anders. Jeder weiß es besser, die Tipps von außen sind gut gemeint, die Folgen werden hingegen erst beim genaueren Hinschauen deutlich. "Die Kinder geraten dann oftmals in ein Spannungsfeld zwischen dem Trainer und ihren Eltern. Viele kommen damit nicht klar und fangen an zu weinen", berichtet Torsten Schanz.
Eine weitere Komponente: Nicht selten wünschen Eltern ihren Kindern gerade jenen Erfolg, der ihnen vielleicht während ihrer eigenen aktiven Laufbahn im Sport verwehrt blieb. Wenn ein Kind dann irgendwann realisiert, dass Mama oder Papa konkrete Ansprüche an den Erfolg stellen, dann beginnt das Kind - ungewollt - für Mama oder Papa zu spielen, nicht aber für sich selbst. So wird der Fußball dann leicht zu einem ganz simplen Geschäft: starke Leistungen des Sprösslings werden mit elterlicher Zuneigung honoriert.
Einige Vereine organisieren vor Saisonbeginn Elternabende, um frühzeitig die Kompetenzen ganz klar abzustecken. Natürlich auch, um den Eltern ein Forum zu bieten. Vor allem aber, um dem eigenen Trainer den Rücken zu stärken. Denn gerade in den Spielklassen der Jüngsten kommt nicht selten der Trainer zu seinem Job wie die Jungfrau zum Kinde. Viele Vereine sind heilfroh, wenn sich ein Vater oder ein älterer Bruder breitschlagen lässt - bevor die Gruppe schlimmstenfalls ganz aufgelöst werden muss.
401 Fußballteams nehmen derzeit im Kreis Osterholz am Punktspielbetrieb teil, rund 30 Prozent davon werden von einem lizensierten Übungsleiter betreut. Fred Michalsky, Lehrwart im Kreis Osterholz, ist stolz auf diese Prozentzahl, damit liegt Osterholz weit über dem bundesweiten Durchschnitt von 20 Prozent. Doch Michalsky räumt unumwunden ein, dass der Weg zum Trainerschein sehr aufwändig ist. 120 Lehrgangsstunden sind bis zur C-Lizenz Breitenfußball zu absolvieren. Selbst die Sparversionen zum Teamleiter (70 Stunden) und der Basiswissenkurs (40 Stunden) sind nicht mal eben auf die Schnelle gemacht. Ausführliches Thema in allen Lehrgängen ist übrigens das vernünftige Miteinander von Trainern und Eltern.
In diesem Zusammenhang berichtete Michalsky von einem anderen Problem, das zur Folge hat, dass für die Zulassung zu einem Trainerlehrgang in Niedersachsen mittlerweile ein polizeiliches Führungszeugnis erforderlich ist: In Berlin tauchten in jüngster Zeit mehrere Männer mit pädophiler Neigung auf, die den Posten als Jugendtrainer im Sportverein als für sie ideales Betätigungsfeld entdeckt hatten. "Die haben in Berlin derzeit damit richtig Probleme. In Niedersachsen ist ein solcher Fall aber noch nicht bekannt. Gottseidank", sagte Fred Michalsky.
In einem Punkt sind sich alle Experten allerdings längst einig: In den jüngsten Altersklassen wird viel zu ergebnisorientiert gedacht. Das Spiel muss unbedingt gewonnen werden, der Aufstieg in die Kreisliga ist noch drin, so wird oftmals argumentiert. Dabei können die Knirpse noch nicht einmal eine Tabelle lesen. So werden die Kinder auf dem Feld schnell zu Marionetten von Eltern und Trainern, denen der Sieg im Lokalderby verdammt wichtig ist - egal ob bei den Herren oder bei den G-Junioren.
Torsten Schanz weiß von einem Beispiel zu berichten, das übertriebenen Ehrgeiz der Eltern dokumentiert: Die eigene Mannschaft führt kurz vor Schluss mit 2:1. Der Ball rollt ins Aus auf die Eltern zu. Doch ein Vater hebt den Fuß und lässt den Ball einfach durchrollen, um Zeit zu schinden. "So etwas regt mich höllisch auf. Hier geht es nur um das Ergebnis", schimpfte Schanz. Und das Signal, das dieser Vater mit seiner vermeintlichen Schlitzohrigkeit an die Kinder aussendet, ist bedenklich: Fairness folgt hintenan, ganz vorne steht der Erfolg.
Jens Heine, Trainer am Fußball-Stützpunkt Bremen-Nord in Marßel sowie im Rahmen des Lehrer-Trainer-Modells in Obervieland tätig, kennt die Problematik nur zu genau. Heine legt viel Wert darauf, seinen Schützlingen zu vermitteln, dem Gegenspiel mit dem nötigen Respekt zu begegnen. "Die Kinder sollen sich mit fairen Mitteln im Zweikampf behaupten. Ich unterbinde im Training jedes taktische Foul", sagte Heine. Respektvolles Auftreten fordert Heine auch von den zuschauenden Eltern ein: "Die Eltern sollten sich in der einen oder anderen Situation zurücknehmen. Aber anfeuern ist absolut in Ordnung. Es muss aber deutlich positiv rüberkommen. Es soll keine negative Stimmung gegen den Gegner verbreiten werden." Übrigens, beim Mädchenfußball gehen die Uhren völlig anders. Weder Schanz noch Schneeloch noch Michalsky wussten von ähnlichen Verfehlungen aus dem Mädchenbereich zu berichten. Das gepflegtere Miteinander hat zur Folge, dass auch bei den Spielen der Damen ein anderer Umgangston herrscht. Der Kontakt zur Gegnerin ist von mehr Respekt gekennzeichnet. Gemeckert wird auch bei den Damen - mit einem zumeist anderen Wortlaut aber.
Der Deutsche Fußball-Bund und seine Vereine haben die Probleme im Zusammenspiel zwischen Trainern, Schiedsrichtern und Eltern in den jüngsten Altersklassen längst erkannt. Der DFB steuert mit einer Kampagne (linkes Plakat) entgegen.
So begrüßenswert die Kampagne des DFB auch ist - um die Probleme in den Griff zu bekommen, ist ein Umdenken an allen Fronten gefragt. Eltern müssen lernen, sich in einigen Situationen zurückzunehmen und den Kompetenzbereich des Trainers zu akzeptieren. Vereine und Verbände sind aufgefordert, die Trainerausbildung voranzutreiben, Konzepte für den Jugendbereich zu erstellen und ihren Coaches den Rücken zu stärken. Über allem steht aber in den Altersklassen der Jüngsten, dass das Ergebnis keineswegs der Gradmesser über Erfolg oder Misserfolg eines Teams sein darf. Eine Mannschaft ist vielmehr dann erfolgreich, wenn die Kinder viel lachen und gerne zum Training gehen, wenn sie sich sowohl als Fußballer als auch als Mensch positiv entwickeln und lernbereit und motiviert sind. Unterm Strich steht einzig und allein: Sie wollen doch nur spielen.

© Copyright Bremer Tageszeitungen AG Ausgabe: Die Norddeutsche Seite: 12 Datum: 26.06.2010

NICHT NUR BEIM FUSSBALL EIN PROBLEM!!!

 

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Aktualisiert am 26. Juni 2010
 

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